INTERVIEW

Veränderung als Antrieb

Vom klassischen Druckhandwerk bis zur digitalen Medienwelt: René Theiler hat die Transformation der Branche nicht nur miterlebt, sondern aktiv mitgestaltet. Als Präsident des Vereins Ugra blickt er auf einen vielseitigen Berufsweg zurück, geprägt von technischem Wandel, neuen Produktionsprozessen und einem stetig wachsenden Qualitätsverständnis. Im Gespräch erzählt er von seinen Anfängen, von prägenden Stationen und davon, wie sich Medien- und Druckindustrie in den letzten Jahrzehnten verändert haben – und warum Erfahrung, Haltung und Weiterbildung heute wichtiger sind denn je.

Interview/Text: Theresa Mörtl

Herr Theiler, Sie blicken auf eine lange Karriere in der grafischen Industrie zurück. Was hat Sie ursprünglich an diesem Berufsfeld fasziniert – und was hält Sie bis heute darin?

Die Bandbreite und die Vielseitigkeit der Druckindustrie – beziehungsweise der gesamten Medienbranche dahinter – sind enorm. Es ist ein Feld, das permanent von Weiterentwicklung getrieben wird. Digitale Tools, neue Medienformate und technische Innovationen sorgen dafür, dass Stillstand eigentlich nie existiert. Diese stetige Suche nach neuen Möglichkeiten sowie das Streben nach Effizienz und Qualität begeistern mich bis heute – beruflich wie privat.

Sie haben Ihre Laufbahn mit einer Ausbildung bei Orell Füssli begonnen. Welche Prägungen aus dieser Zeit begleiten Sie bis heute?

Ganz klar der Facettenreichtum. Ich begann meine Ausbildung in der Reproduktionsfotografie und lernte schon früh die Vielfalt der Druckbranche kennen – vom Buchdruck über Offset- und Tiefdruck bis hin zur Kartografie. In meinem vierten Lehrjahr durfte ich zudem bei der fotografischen Umsetzung der 100-Franken-Banknote mitarbeiten, die damals das Porträt von Francesco Borromini trug. Dieses Projekt war mein erster Kontakt mit dem Sicherheitsdruck – und mit den hohen Anforderungen an Präzision und Verantwortung.

Schon früh in Ihrer Karriere haben Sie einen Betrieb für Scanning und Bildbearbeitung geleitet. Wie haben Sie den Wandel in diesem Bereich erlebt?

Zu Beginn meiner Laufbahn war Bildbearbeitung extrem zeit- und kostenintensiv. Allein das benötigte Equipment war sehr teuer. In der Hochphase der klassischen Retusche waren pro Auftrag schnell ein paar 1000 Franken fällig. Ich erinnere mich an ein Projekt, bei dem wir für eine Immobilienfirma ein Haus in eine Winterlandschaft integrierten – am Ende belief sich die Rechnung auf über 10000 Franken. Heute werden Bilder in Sekunden verändert, teilweise mit wenigen Texteingaben über KI. Handwerkliches Know-how ist dafür kaum noch nötig, der Zeitaufwand ist nicht vergleichbar, und Hard-sowie Software sind deutlich günstiger geworden. Das zeigt, wie radikal sich Produktionsprozesse verändert haben. Eines ist aber immer noch wichtig, die Kompetenz, KI-generierte Bilder oder Videos kritisch zu beurteilen.

«Heute werden Bilder in Sekunden verändert,
teilweise mit wenigen Texteingaben über KI.»

Später waren Sie bei der typolitho ag als Bereichsleiter Technik für rund 70 Mitarbeitende verantwortlich – mitten im technologischen Wandel. Was war Ihre grösste Herausforderung?

Die typolitho ag war eines der ersten Unternehmen in der Schweiz, die Typografie und Lithografie vor der Einführung des Polygrafen-Lehrberufs vereinen. Gleichzeitig änderte sich die Arbeitsmethodik grundlegend: Interdisziplinäre Teams ersetzten klassische Abteilungen. Die grösste Herausforderung war das Teambuilding. Diese Umstrukturierung erforderte zahlreiche Weiterbildungen – und vor allem die intrinsische Motivation der Mitarbeitenden, sich ständig weiterzuentwickeln.

Digitalisierung und Change-Prozesse ziehen sich dabei durch Ihren gesamten Berufsweg. Wie hat das Ihre Arbeit verändert?

Durch die Digitalisierung entstanden neue Geschäftsfelder rund um den Druck, insbesondere im Bereich Crossmedia. In der Folge wurden Portfolios um Agenturleistungen erweitert. Eines der ersten Projekte in diesem Kontext durfte ich mit einem grossen Sanitärhersteller umsetzen – inklusive Website-Überarbeitung und interaktiver Elemente. Hier mussten Text-, Bild- und Gestaltungskompetenz zusammengeführt werden. Gleichzeitig stiegen die Qualitätsansprüche der Kund:innen. In dieser Phase konnte ich mit der Ugra die Akkreditierungen, Zertifizierungen und Standards für die Druckindustrie begleiten.

Standardisierung lag auch während Ihrer Tätigkeit als Bildungsverantwortlicher und Projektleiter Technik im Fokus. Warum sind Standards für Sie so zentral?

An oberster Stelle steht die Kundenzufriedenheit – sie ist die Basis für langfristige Zusammenarbeit und Reputation. Standardisierte Prozesse ermöglichen reproduzierbare Ergebnisse. Gerade im Logodruck ist es entscheidend, Farbwerte nicht nur einmal, sondern dauerhaft exakt zu treffen. Internationale Standards wären wünschenswert – aktuell findet gerade ein Prozess der Harmonisierung der Standards statt, derzeit prägt vor allem Europa die Normenlandschaft.

Zudem haben Sie innovative Schulungskonzepte entwickelt. Was macht gute Weiterbildung im technischen Umfeld aus?

Voraussetzung ist immer Eigeninteresse. On-the-job-Training halte ich nach wie vor für die effektivste Lernform. Auch ich habe mir vieles autodidaktisch angeeignet. Fehler gehören dazu – man lernt daraus und entwickelt neue Lösungswege. Ich setze zudem stark auf Gruppenarbeiten: Sie fördern Interdisziplinarität und simulieren reale Teamprozesse.

Als Dozent unterrichten Sie Nachhaltigkeit und Qualität. Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit heute in der Medienproduktion?

Eine sehr grosse. Angesichts von Klimakrise und Ressourcenknappheit müssen Nachhaltigkeitsaspekte in allen Bereichen berücksichtigt werden. In der Druckbranche heisst das vor allem: Prozesse optimieren, Energie sparen, Materialeinsatz reduzieren. Ein nach Prozessstandard Offsetdruck (PSO) optimierter Prozess spart nicht nur Zeit, sondern auch Farbe und Strom – teilweise bis zu ein Drittel des Energieverbrauchs. Offset-druck kann nachhaltig genutzt werden, solange wir bewusst und verantwortungsvoll mit den Ressourcen umgehen. Auch Druckfarben und Lösungsmittel bieten grosses Potenzial. Und nicht zuletzt spielen Gebäude, Arbeitsumgebungen und Infrastrukturen eine wichtige Rolle in der Gesamtbilanz.

Gemeinsam mit Hannes Zaugg haben Sie den CAS Crossmedia Manager initiiert. Was war die Vision dahinter?

Oft werden die Wertschöpfungsschritte vor und nach dem Druck unterschätzt – etwa Webanwendungen, digitale Kanäle oder Bildbearbeitung. Zu lange wurde in isolierten Disziplinen gedacht. Der Crossmedia-Manager sollte genau hier ansetzen: an der Schnittstelle von Automation und Rentabilität. Es geht um ein Verständnis für Kommunikationsplanung, Kenntnisse moderner Medientechniken sowie Praxis zum kostenbewussten Handeln. Wir wollten den Kunden vor dem berühmten PDF-Balken neue Optionen mit crossmedialen Projekten aufzeigen.

«Oft werden die Wertschöpfungsschritte
vor und nach dem Druck unterschätzt.»

Sie engagieren sich seit vielen Jahren bei der Ugra. Was macht diese Institution für Sie besonders?

Die Ugra verbindet Praxis, Ingenieurleistung und Forschung. Diese Kombination macht sie einzigartig – und schafft eine unabhängige, glaubwürdige Plattform für Qualitätssicherung und Weiterentwicklung.

Auch nach Ihrer Pensionierung bleiben Sie aktiv. Was motiviert Sie?

Die Ugra befindet sich aktuell in einer wichtigen Umstrukturierung. Mit der Gründung der Ugra Swisstesting AG wurden die unternehmerischen Aktivitäten neu organisiert. Der Verein bleibt Eigentümer und setzt weiterhin auf Standardisierung, Forschung und Vernetzung. Diese Neuausrichtung möchte ich unbedingt noch begleiten. Gerade angesichts der Digitalisierung muss sich auch die Ugra weiterentwickeln und ihr Portfolio erweitern.

Wo sehen Sie die Ugra in fünf bis zehn Jahren?

Sicherheit wird weiterhin eine zentrale Rolle spielen. Gleich-zeitig sehe ich grosses Potenzial in der Laborarbeit und in der Standardisierung. Wichtig wird auch die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle. Dafür braucht es Netzwerke, Offenheit und den Mut, über den bisherigen Tellerrand hinauszuschauen. Das Ugra-Team ist sehr agil und kann sich rasch an neue Projekte und Dienstleistungen anpassen.

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